Dysarthrie

Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für e-happiness - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

Sabine Schrör

Sabine Schrör ist freie Autorin der e-happiness-Medizinredaktion. Sie studierte Betriebswirtschaft und Öffentlichkeitsarbeit in Köln. Als freie Redakteurin ist sie seit mehr als 15 Jahren in den verschiedensten Branchen zu Hause. Die Gesundheit gehört zu ihren Lieblingsthemen.

EineDysarthrie ist eine neurologisch bedingte Sprechstörung. Sie kann sich auf Atmung, Lautbildung, Tonlage, Sprechrhythmus und Artikulation auswirken. Das Sprachverständnis leidet aber nicht - anders als bei der Aphasie haben Dysarthrie-Patienten keine Probleme beim Satzbau, bei der Wortfindung oder beim Lesen und Schreiben. Häufige Ursachen der Dysarthrie sind entzündliche Prozesse im Gehirn, Schädel-Hirn-Traumata, Schlaganfall oder degenerative Erkrankungen wie Parkinson. Lesen Sie hier mehr über Entstehung, Ursachen, Formen und Behandlungsmöglichkeiten der Dysarthrie.

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Kurzübersicht

  • Was ist Dysarthrie? neurologisch bedingte Sprechstörung infolge beschädigter, für die Sprechmotorik zuständiger Nerven- und oder Muskelstrukturen. Abgrenzung von der Aphasie als Sprachstörung mit eingeschränktem Verständnis und Verarbeitung von Sprache sowie Problemen zum Beispiel bei Wortfindung und Satzbau.
  • Ursachen: z.B. Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, frühkindliche Hirnschädigung, Gehirnentzündung (Enzephalitis), Hirnhautentzündung (Meningitis), Hirntumor, Multiple Sklerose, Parkinson, Amyotrophe Lateralsklerose, Chorea Huntington
  • Formen: spastische (hypertone) Dysarthrie, hypotone Dysarthrie, hyperkinetische Dysarthrie, hypokinetische (-rigide) Dysarthrie, ataktische Dysarthrie, gemischte Dysarthrien
  • Diagnose: Anamnese, neurologische Untersuchungen, evtl. Elektroenzephalografie (EEG), Computertomografie (CT), Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT), Liquordiagnostik (Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit)
  • Behandlung: Behandlung der Grunderkrankung, individuelle Sprachtherapie, evtl. Hilfen wie Gaumensegelprothese, elektronischer Stimmverstärker

Dysarthrie: Beschreibung und Entstehung

Bei einer Dysarthrie ist die Sprechmotorik gestört. Die Betroffenen wissen zwar genau, was und wie sie etwas sagen möchten. Doch die für das Sprechen zuständigen Nerven- und Muskelstrukturen können die entsprechenden Befehle der Großhirnrinde nicht korrekt ausführen.

Das geschieht, wenn die für die Sprechmotorik zuständigen Nerven- und/oder Muskelstrukturen etwa aufgrund eines Schlaganfalls, einer Hirnhautentzündung, durch Parkinson oder Alkoholmissbrauch beschädigt wurden. Die Betroffenen haben dann auch Probleme beim Kauen und Schlucken. Zudem ist ihre Mimik eingeschränkt.

Eine Dysarthrie kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Am deutlichsten beeinträchtigt sie die Lautbildung. Daneben sind meist auch Sprechtempo, Sprechmelodie, Sprechatmung und Stimmbildung verändert. Die schwerste Form der Dysarthrie, bei der die Betroffenen sich gar nicht mehr artikulieren können, heißt Anarthrie.

Unterschied zur Sprachstörung

Von Sprechstörungen (Dysarthrien) zu unterscheiden sind Sprachstörungen (Aphasien): Bei diesen können die Betroffenen Sprache nicht mehr richtig verstehen und verarbeiten. Zudem haben sie Probleme, die richtigen Worte zu finden und korrekte, sinnvolle Sätze zu bilden. Bei Dysarthrien sind diese höheren Hirnleistungen dagegen nicht beeinträchtigt.

Dysarthrie: Ursachen

Die Ursachen der Dysarthrie sind vielfältig. Die häufigsten sind:

  • Schlaganfall (Apoplex): Bei einem Schlaganfall wird das Gehirn plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut und damit Sauerstoff versorgt. Meist steckt ein gerinnselbedingter Gefäßverschluss dahinter, seltener eine Hirnblutung. Schlaganfälle verursachen sehr häufig Sprechstörungen. Oft entwickeln Schlaganfall-Patienten zusätzlich eine Aphasie.
  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Der Begriff Schädel-Hirn-Trauma fasst alle geschlossenen und offenen Schädelverletzungen mit Hirnbeteiligung zusammen, die durch Gewalteinwirkung auf den Kopf (zum Beispiel durch einen Schlag oder Sturz) entstehen. Daraus können unter anderem Sprachstörungen (Aphasien) und Sprechstörungen resultieren.
  • Frühkindliche Hirnschädigung: Wird das kindliche Gehirn zwischen dem sechsten Schwangerschaftsmonat und dem Ende des ersten Lebensjahres geschädigt, kann dies ebenfalls zu einer Dysarthrie führen.
  • Gehirnentzündung (Enzephalitis): Meist lösen Viren eine infektiöse Entzündung des Gehirns aus, selten Bakterien. Die Dysarthrie gehört zu den möglichen Symptomen der Enzephalitis.
  • Hirnhautentzündung (Meningitis): Auch eine Entzündung der Hirnhäute durch Bakterien oder Viren kann eine Dysarthrie verursachen.
  • Gehirntumor: Hirntumoren können je nach Lage unterschiedliche Formen der Dysarthrie auslösen.
  • Multiple Sklerose (MS): Bei dieser chronisch-entzündlichen Erkrankung des Nervensystems (Rückenmark und Gehirn) zerstört das Immunsystem die Schutzschicht um die Nervenfasern (Myelinscheiden), so dass Nervenimpulse nicht mehr störungsfrei weitergeleitet werden. Dies kann unter anderem zu einer Dysarthrie führen.
  • Parkinson-Krankheit: Morbus Parkinson zählt zu den häufigsten Erkrankungen des Nervensystems und wird umgangssprachlich auch Schüttellähmung genannt. Rund 90 Prozent aller Parkinson-Patienten entwickeln eine Dysarthrie.
  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Diese seltene chronische Erkrankung des Nervensystems beeinträchtigt die Motorik, die Atmung, die Kommunikationsfähigkeit und die Nahrungsaufnahme. Eine Sprechstörung kann ein Frühsymptom von ALS sein.
  • Chorea Huntington: Bei Erwachsenen mit hyperkinetischer Dysarthrie ist die Ursache meist Chorea Huntington – eine seltene Erbkrankheit, die unter anderem mit unwillkürlichen, plötzlichen, unregelmäßigen Bewegungen einhergeht.
  • Myasthenia gravis: Bei dieser seltenen Autoimmunerkrankung ist die Reizübertragung zwischen Nerven- und Muskelzellen gestört. Dadurch kann es unter anderem zu einer Dysarthrie kommen.
  • Vergiftungen (Intoxikationen): Vergiftungen zum Beispiel durch Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum gehören ebenfalls zu den möglichen Ursachen einer Dysarthrie.

Dysarthrie: Formen

Mediziner unterscheiden sechs Formen der Dysarthrie:

  • Spastische (hypertone) Dysarthrie: Kennzeichnend ist eine erhöhte Muskelspannung (Hypertonie) der Sprechmuskeln, die sich deshalb nur eingeschränkt bewegen lassen. Dies wirkt sich auf Atmung, Stimmbildung und Artikulation aus. Typisch ist eine gepresste, raue Stimme. Die Betroffenen können sich zudem nur stoßweise und undeutlich artikulieren.
  • Hypotone Dysarthrie: Im Gegensatz zur spastischen Dysarthrie ist bei der hypotonen Sprechstörung die Muskelspannung verringert – die Muskeln sind schlaff und kraftlos. Die Betroffenen ermüden schnell beim Sprechen und können sich nur undeutlich artikulieren. Zudem können Lautstärke und Sprechmelodie verändert sein.
  • Hyperkinetische Dysarthrie: Typisch hierfür sind übertriebene, explosionsartig wirkende Sprechbewegungen. Lautstärke, Tonhöhe und Artikulation variieren stark. Manchmal schneiden die Betroffenen zudem unwillkürlich Grimassen, schlängeln oder schnalzen mit der Zunge.
  • Hypokinetische (-rigide) Dysarthrie: Hierbei sind Atmungs-, Kehlkopf-, Zungen- und Gesichtsmuskulatur nur eingeschränkt beweglich. Dadurch verkürzt sich die Atmung, die Sprechlautstärke und der Tonhöhenumfang sind eingeschränkt. Die Betroffenen sprechen mit monotoner Stimme und artikulieren sich undeutlich. Auch die mimischen Fähigkeiten können stark beeinträchtigt sein.
  • Ataktische Dysarthrie: Menschen mit ataktischer Dysarthrie sprechen sehr ungleichmäßig, das heißt Lautstärke, Tonhöhe und die Genauigkeit der Artikulation variieren sehr stark; das gesamte Sprechen ist durch unwillkürliche, unangemessene Veränderungen von Atmung, Stimme und Artikulation geprägt.
  • Gemischte Dysarthrien: In vielen Fällen lässt sich eine Dysarthrie nicht eindeutig einer der genannten Gruppen zuordnen. Denn oft sind mehrere Bereiche des Gehirns geschädigt, so dass die Betroffenen zum Beispiel sowohl ataktische als auch spastische Dysarthrie-Symptome zeigen.

Dysarthrie: Wann sollten Sie zum Arzt?

Sprechstörungen sollten Sie immer ärztlich abklären lassen – unabhängig davon, ob sie sich langsam entwickeln (wie bei Parkinson oder Multipler Sklerose) oder plötzlich auftreten (wie bei einem Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma).

Dysarthrie: Was macht der Arzt?

Bei einer plötzlich auftretenden Dysarthrie infolge eines Schlaganfalls oder Schädel-Hirn-Traumas ist die Ursache klar. Hier steht die medizinische Erstversorgung des Patienten im Vordergrund.

Ansonsten startet die Diagnostik mit einem ausführlichen Arzt-Patienten-Gespräch zur Krankengeschichte (Anamnese). Gegebenenfalls werden Angehörige in das Gespräch mit einbezogen. Der Arzt erkundigt sich zum Beispiel, wann die Sprechstörung erstmals aufgetreten ist, wie häufig sie sich bemerkbar macht, welche Beschwerden im Vordergrund stehen und wie es um die allgemeine Leistungsfähigkeit des Patienten bestellt ist.

Daran schließt sich eine neurologische Untersuchung an mit dem Ziel, die der Dysarthrie zugrunde liegende Erkrankung und den genauen Ort der Hirnschädigung festzustellen.

Weitere Untersuchungen sind möglich, zum Beispiel die Messung der elektrischen Hirnaktivität (EEG), bildgebende Verfahren wie Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) sowie die Entnahme und Analyse einer Probe der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquordiagnostik).

Bei einer logopädischen Untersuchung werden schließlich Artikulation, Stimmbildung (Phonation) und Atmung überprüft. Dies ist wichtig für die Therapieplanung (Sprachtherapie).

Dysarthrie: Welche Therapien helfen?

Zunächst gilt es natürlich, die Grunderkrankung, die zur Dysarthrie geführt hat (wie Schlaganfall, Enzephalitis, Parkinson), zu behandeln.

Die Dysarthrie selbst wird in erster Linie mittels Sprachtherapie behandelt. Wichtigstes Ziel dabei ist es, die selbständige Kommunikationsfähigkeit des Patienten zu erhalten beziehungsweise wiederherzustellen.

Da es verschiedene Dysarthrie-Formen gibt und die Sprechstörung außerdem unterschiedlich verlaufen kann, wird jede Sprachtherapie individuell an die Bedürfnisse und die Belastbarkeit des Patienten angepasst. Möglich sind tägliche Sitzungen ebenso wie wöchentliche oder monatliche Therapiestunden, einzeln oder in der Gruppe.

Bausteine der Sprachtherapie

In der Sprachtherapie lernen die Patienten, wie sie mit einer bewussten Kopf- und Körperhaltung verständlicher sprechen können. Über spezielle Übungen fördert der Therapeut das harmonische Zusammenspiel von Atmung, Stimme und Artikulation. Bei zu hoher Körperspannung (spastische Dysarthrie) helfen Entspannungsübungen, bei zu geringer Körperspannung (hypotone Dysarthrie) sind spannungsaufbauende Trainingseinheiten sinnvoll.

Ist die Atmung beeinträchtigt, werden Atemvertiefung und Atemstromverlängerung geübt, wobei besonderes viel Wert auf die Bauchatmung gelegt wird. Stimmübungen trainieren die Kehlkopfmuskulatur, verschiedene passive und aktive Übungen die Artikulation. Konkrete Sprechübungen (Laute, Worte, Sätze und Texte) fördern das spontane Sprechen und die Kommunikation im Alltag.

Betroffene, die in bestimmten Situationen besondere Probleme beim Sprechen haben, können dies mit dem Therapeuten besprechen. Der Umgang mit solch kritischen Situationen lässt sich dann zum Beispiel in Rollenspielen üben.

In sehr schweren Fällen von Dysarthrie erarbeiten die Patienten gemeinsam mit dem Therapeuten alternative Kommunikationsformen. So lassen sich statt des Sprechens auch Mimik, Gestik und Schriftsprache nutzen, um sich verständlich zu machen.

Kommunikationshilfen

In bestimmten Fällen können spezielle Kommunikationshilfen sinnvoll sein. So können Patienten, deren Gaumensegel nur eingeschränkt beweglich ist (Veluminsuffizienz), von einer Gaumensegelprothese profitieren.

Elektronische Verstärker können die Stimme sehr leise sprechender Dysarthrie-Patienten verstärken. Alternative Kommunikationssysteme wie tragbare elektronische Schreibmaschinen sind für Dysarthrie-Patienten gedacht, die sich kaum noch artikulieren können oder nicht mehr verständlich sprechen können (beispielsweise im Spätstadium einer Amyotrophen Lateralsklerose).

Krankheitsbewältigung

Menschen mit Dysarthrie können sich nicht mehr problemlos ausdrücken. Viele fühlen sich hilflos und reagieren deshalb wütend, aggressiv, traurig oder entwickeln eine Depression. Manche ziehen sich komplett zurück und meiden soziale Kontakte. Hier können Gespräche helfen, in denen Therapeuten die Betroffenen und ihre Angehörigen beim Umgang mit der Dysarthrie und der zugrundeliegenden Erkrankung beraten. Bei schweren psychischen Krisen ist psychologische Hilfe angezeigt.

Dysarthrie: Das können Sie selbst tun

Sowohl Dysarthrie-Patienten selbst, als auch ihre Gesprächspartner können viel zu einer gelungenen Kommunikation beitragen. Wichtige Punkte sind:

  • Stress und Aufregung vermeiden: Gespräche sollten ohne Hektik und in ruhiger Umgebung geführt werden. Beide Seiten – Dysarthrie-Patient und Gesprächspartner – sollten sich für das Sprechen und Verstehen Zeit nehmen. Lärmquellen im näheren Umfeld (Radio, TV, Maschinen, …) sollten gemieden beziehungsweise ausgeschaltet werden.
  • Nähe suchen: Gespräche mit Dysarthrie-Patienten sollten über eine möglichst geringe Entfernung geführt werden. Das verhindert, dass sich der Patient übermäßig anstrengen muss, wodurch die Verständlichkeit leiden kann.
  • Blick halten: Während des Gesprächs sollten der Dysarthrie-Patient und sein Gegenüber Blick halten. Denn durch eine unterstützende Mimik und Gestik kann sich der Patient leichter verständlich machen.
  • Nachfragen: Wenn man einen Dysarthrie-Patienten nicht verstanden hat, sollte man sich nicht scheuen, nachzufragen. Vorwurfsvolle Kommentare („Sprich doch deutlicher!“ oder „Rede doch mal lauter!“) sollte man aber unbedingt unterlassen!
  • Nicht für den Betroffenen sprechen: In größeren Gesprächsrunden sollte man nicht für einen Dysarthrie-Betroffenen sprechen, ihm also nicht die manchmal mühevolle Kommunikation abnehmen! Das ist zwar meist gut gemeint, schadet dem Betroffenen aber letztendlich nur, weil er so aus dem Gespräch ausgeschlossen wird.
  • Respekt zeigen: Eine Sprechstörung ist keine geistige Behinderung. Menschen mit Dysarthrie sollte niemals das Gefühl vermittelt werden, geistig minderbemittelt oder unmündig zu sein.
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