Senioren tanzen

Tanzen gegen das Vergessen

Lisa Vogel

Lisa Vogel studierte Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften an der Hochschule Ansbach und vertiefte ihre journalistischen Kenntnisse im Masterstudiengang Multimediale Information und Kommunikation. Als freie Journalistin sammelte sie Erfahrungen im Lokaljournalismus und schrieb Beiträge für Gesundheitsplattformen. Seit September 2018 ist sie Volontärin in der e-happiness Redaktion.

Demenzkranke Senioren schwingen das Tanzbein. Die vertrauten Gassenhauer holen alte Erinnerungen zurück. Mehr noch: Tanzen stimuliert das Gehirn und regt die Bildung von Nervenverbindungen an. Davon könnten auch Alzheimerpatienten profitieren. Ein Nachmittag zu Gast beim Tanzcafé Vergissmeinnicht in Deggendorf.

Das Haar ist seit langem gelichtet. Trotzdem schiebt der Mann seine Bekannte mit Schwung über das Parkett. Daneben stehen ältere Frauen in gemusterten Blusen und etwas in die Jahre gekommenen Kostümen auf der Tanzfläche, halten sich an den Händen und wiegen sich im Takt. Aus den Lautsprechern schallt 60er-Jahre-Schlagermusik, unter die sich der eine oder andere Hitparaden-Dauerbrenner mogelt.

Am Anfang noch zögerliches Kopfnicken oder Wippen mit dem Fuß. Doch nach drei Liedern ist die Zurückhaltung passé. Selbst 80- und 90-Jährige schwingen jetzt über die Tanzfläche. Tango, Walzer, Foxtrott sitzen noch. An Tanzschritte und Liedtexte erinnern sich die Senioren. An vieles andere nicht. Sie sind dement.

„Eingebrannte Erinnerungen“

„Des san ein‘brannte Erinnerungen, die da wieder hochkomma. Die Leit brauchen bloß die richtigen Anreize“, sagt Gerlinde Beiderbeck, Leiterin der Diakonie Deggendorf, in niederbayerischem Dialekt. Vier Mal jährlich veranstaltet die Alzheimer Gesellschaft Niederbayern das „Tanzcafé Vergissmeinnicht“ für demenzkranke Patienten der Region. Dann treffen sich die Bewohner der Diakonie Deggendorf, des Senioren- und Altenheims St. Vinzenz und des städtischen Elisabethenheims zu Kaffee, Kuchen und Musik.

Eine von ihnen ist Maria Sperber*, die gleich neben der Tanzfläche sitzt. „Ich hab‘ in einem Krankenhaus gearbeitet. In Mainz“, erzählt die 89-Jährige. Lächelnd wiegt sie den Kopf – immer im Takt. Bei den schnelleren Stücken kommt das silberne Herz, das sie um ihren faltigen Hals trägt, ins Schwingen. Die Musiker stimmen das nächste Lied an, Maria Sperber kann es mitsingen. Plötzlich verstummt die alte Dame, hört auf zu wippen. „Ich hab‘ in einem Krankenhaus gearbeitet. In Mainz.“

Maria Sperber ist eine von 1,7 Millionen Demenzkranken in Deutschland. 2050 werden es drei Millionen sein, schätzt die Deutsche Alzheimergesellschaft. Seit zehn Jahren ist die Frau im perlenbestickten Pullover schon in der Tagesbetreuung der Caritas – drei Mal pro Woche. Ihr Mann ist vor 30 Jahren gestorben. Alleine Leben? Unmöglich. Die tägliche Pflege übernimmt ihre Tochter.

Das Gehirn kommt ins Stottern

Bei einer Demenz gehen immer mehr Nervenzellen zugrunde oder verlieren ihre Verbindungen. Eiweißköper lagern sich zwischen den Zellen ab und verklumpen zu sogenannten Plaques.

Diese Veränderungen sind für die Symptome der Demenz mitverantwortlich. Das Gehirn kommt ins Stottern. Plötzlich können sich Betroffene nicht mehr an die Telefonnummer der Tochter erinnern, vergessen ihre Schlüssel. Oder sie wissen nicht mehr, was sie gerade erst gesagt haben.

Ob Maria Sperber gerne zum Tanzen kommt? „Ja.“ Ob sie die Musik mag? „Ja.“ Ob sie sich noch an andere Lieder von früher erinnert? Ein hilfesuchender Blick zur Betreuerin. „Ich hab‘ in einem Krankenhaus gearbeitet. In Mainz.“ Wie eine Schallplatte mit einem Sprung.

Polka und Co. stimulieren den Geist

Der Speisesaal der Diakonie füllt sich, Stimmengewirr. Hier und da huscht ein Lächeln über ein Gesicht, wenn man sich wiedererkennt. Die Leute kommen ins Gespräch, lachen. 70 werden sich an diesem Sonntagnachmittag zum Tanzen treffen.

Veranstaltungen wie das Tanzcafé Vergissmeinnicht sind für Menschen wie Maria Sperber mehr als reines Unterhaltungsprogramm. Sie könnten das Fortschreiten einer Demenz verzögern. „Tanzen vereint kognitive Stimulation und körperliche Bewegung. „Besonders diese Kombination führt zur Bildung neuer Nervenverknüpfungen“, erklärt Prof. Notger Müller, Neurologe am Universitätsklinikum Magdeburg.

Demenz ist bislang zwar nicht heilbar, „aber der Zellschwund lässt sich verlangsamen“, so der Neurologe. Er hat mit den Sportwissenschaftlern des Lehrstuhls die Auswirkung von Tanzen auf das Gehirn gesunder älterer Menschen untersucht. Das Erinnern von Schrittfolgen, die Reaktion auf Musik, die Orientierung im Raum und die körperliche Bewegung sprechen viele Gehirnregionen an, fand er heraus.

Gehirnzellen werden neu verdrahtet

Die neuen Verdrahtungen entstehen beim Tanzen vor allem im Hippocampus, jener Schnittstelle im Großhirn, die Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis überträgt. In dieser Gehirnregion macht sich die Demenz zuerst bemerkbar.

Im Anfangsstadium könnte Tanzen helfen, das Gedächtnis zu erhalten, vermutet Müller. „Es ist die wirkungsvollste Methode, um die Neuroplastizität, also eine Umbildung des Gehirns, anzuregen.“ Und verlorengegangene Nervenverbindungen wiederherzustellen. „Ob das Gehirn aber auch dann noch neue Synapsen bilden kann, wenn die Demenz bereits eingesetzt hat, ist unklar.“ Das soll eine weitere Studie der Magdeburger Forscher klären.

Musik weckt alte Erinnerungen

Im Speisesaal klappern Teller. Kaffeekannen wechseln den Besitzer, es gibt Erdbeer- und Schokokuchen. Nach der anfänglichen Schüchternheit herrscht jetzt Festtagsstimmung in Deggendorf. Niemand sitzt allein an seinem Tisch, alle tanzen. Halsschmuck und Ohrstecker der Damen blitzen mit den Uhren der Herren um die Wette. Die Leute kommen ins Gespräch, sie lachen.

Der Wunsch zu Tanzen bleibt

Als heutigen Senioren jung waren war „des Furtgenga zum Tanzen“, das Highlight der Woche. „Es gab keinen Fernseher, nur Tanz und Vergnügen“, sagt Heimleiterin Beiderbeck. Der Wunsch zu tanzen bleibe, auch wenn der Körper nicht mehr mitspielt.

„Musik ist ganz stark mit Kindheitserinnerungen verbunden“, sagt Notger Müller. Diese Erinnerungen sind tief verwurzelt und bleiben auch bei einer Demenz lange erhalten. Was Maria Sperber heute gefrühstückt hat, weiß sie nicht mehr. Doch die erste Strophe des Volkslieds „Es war einmal ein treuer Husar“, das sie plötzlich spontan anstimmt, sitzt noch immer einwandfrei.

Rollator-Parade vor dem Speisesaal

Nach drei Stunden ist die Musik aus. Die Betreuerinnen, die durch die Reihen des Speisesaals wuseln, helfen den Senioren beim Aufstehen, stützen sie beim Gehen.

Das Stimmengewirr ebbt ab, nach und nach verlassen die Senioren die Tanzfläche. Vor dem Speisesaal eine Rollator-Parade, Rad an Rad warten sie auf ihre Besitzer. Kleine Zettel mit Namen sind auf die Sitze geklebt. Wo die Bewohner ihre Gehhilfe abgestellt haben, daran erinnern sich die meisten nicht mehr.

*Name von der Redaktion geändert

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