Angelika R.

„Sterben ist einfach nicht drin“

Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für e-happiness ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Da ist dieser Moment, in dem Angelika R. denkt: „Jetzt mag I nimmer.“ Im Morgengrauen steht sie auf, greift zum Rasierapparat und rasiert sich Bahn um Bahn den Schädel kahl. Dann weckt sie ihren Mann: „Schatz, da musst du jetzt bitte noch mit dem Nassrasierer drübergehen.“ Von diesem Tag an ist auch für jeden Außenstehenden sichtbar: Die junge Mutter leidet an Krebs.

Vier Wochen zuvor sitzt sie im Wartezimmer ihres Internisten und macht sich noch keinerlei Sorgen. Zwei Wochen vor Weihnachten hat sich Regensburg festlich geschmückt, auf dem Markt drängen sich die Buden. Die Lego-Technik für den achtjährigen Sohn, das Playmobil-Puppenhaus, sie warten auf ihren Einsatz unter dem Christbaum.

„Ich dachte an Hämorrhoiden“

Es ist der zweite Termin bei ihrem Arzt. Den ersten, zwei Wochen zuvor, hatte sie ausgemacht, weil sie nach dem Stuhlgang eine anhaltende Blutung bemerkte. „Ich dachte an Hämorrhoiden – wegen meiner Schwangerschaften“, erzählt R. im Gespräch mit e-happiness. Der Arzt schlug eine spontane Darmspiegelung vor. „Die mussten wir aber abbrechen. Ohne Narkose habe ich das nicht ausgehalten“, erzählt Angelika R.

Immerhin konnte der Arzt damals feststellen, was dort blutete: ein Polyp, gleich hinter dem Schließmuskel. Proben davon schickte er ins Labor - nur zur Sicherheit. „In Ihrem Alter ist das sicher harmlos“, beruhigte er seine Patientin. Danach hört R. nichts mehr. Die für heute angesetzte Darmspiegelung ist als reine Vorsichtsmaßnahme gedacht.

„Es tut mir sehr leid“, sagt der Arzt

Was R. nicht weiß: Die Untersuchung des beim ersten Arztbesuch entnommenen Polypengewebes hatte ergeben, dass in ihrem Darm etwas Bösartiges wächst. Zur Sicherheit hatte ihr Arzt daraufhin noch an zwei weitere Labors Probenmaterial geschickt, darunter ein Speziallabor in München. Doch das Ergebnis blieb dasselbe: ein sogenannter neuroendokriner Tumor.

Die meisten Menschen erkranken an dieser Darmkrebsform erst im Alter von 50 bis 70 Jahren. Bei einer 34-Jährigen sei er die Ausnahme, muss der Arzt seiner Patientin nun eröffnen. „Es tut mir sehr leid.“

Wie in einem schlechten Film

„Es war wie in einem Film: Alles zog an mir vorbei“, erzählt Angelika R. in ihrem melodischen Oberpfälzer Dialekt. „Ich bin da in mei‘ Spiegelung marschiert, als ginge es mich gar nichts mehr an.“ Danach findet sie sich an der Rezeption wieder, bittet, bis zum Ende der Woche krankgeschrieben zu werden. „Für eine Darmspiegelung rechnen wir normalerweise nur einen Tag“, sagt die ahnungslose Arzthelferin.

Ihr Arzt komm hinzu, nimmt seine Patientin in den Arm. „Die Frau R., die können Sie auch bis zum 31. Dezember krankschreiben, das geht völlig in Ordnung.“ Da kommen Angelika R. die Tränen. „Erst in dem Moment habe ich realisiert, was los ist.“

„In sechs Wochen bist du wieder fit“

Der Erste, der es erfährt, ist ihr Vater. Er ist gekommen, um die Tochter nach der Darmspiegelung nach Hause zu begleiten. Jetzt sitzt plötzlich das Schreckgespenst Krebs mit im Wagen. Trotz des Schocks spricht er ihr Mut zu. Was es mit Darmkrebs auf sich hat, das glaubt er aus seinem Bekanntenkreis zu kennen: eine OP, das kranke Stück Darm ruckzuck rausschneiden. „In sechs Wochen bist du wieder fit“, prophezeit er. Doch bei seiner Tochter sieht die Sache anders aus.

Chemotherapie, Bestrahlung – das ganze Programm

Ein Lichtblick: Der Tumor hat noch nicht gestreut. Doch weil diese Krebsform so aggressiv ist, ist das volle Programm nötig: sechs Runden Chemotherapie, danach Bestrahlung. Auch eine Komplettentfernung des Enddarms steht zur Debatte. Diese sogenannte Rektum-Amputation würde bedeuten: Für den Rest des Lebens einen künstlichen Darmausgang. Für den Rest des Lebens einen Beutel am Bauch, in den rund um die Uhr der Stuhlgang sickert.

„Wenn es nötig ist, mach ich auch das“, beschließt Angelika R. sofort. Sie will alles dafür tun, das hier zu überleben, wieder gesund zu werden. Spezialisten für diese Tumorart an der Uniklinik in München plädieren für die Amputation, zur Sicherheit. Die Ärzte in Regensburg entscheiden sich jedoch dagegen. Planen stattdessen engmaschige Kontrollen.

„Weihnachten wird nicht abgesagt“

Am schwersten nimmt es die Mutter. „Mei Mama, die hat des gar net gepackt. Die hat sich schon hinter meinem Sarg hermarschieren sehen“, erzählt R. Am liebsten hätte die Mutter das Weihnachtsfest gestrichen. Für Angelika R. kommt das aber überhaupt nicht in Frage: „Weihnachten wird nicht abgesagt.“

Die Bescherung bei den Eltern, mit ihren zwei Brüdern samt Anhang, findet sechs Tage nach der ersten Chemorunde statt. Acht Erwachsene, vier Kinder, der geschmückte Baum, Würstl mit Kraut - alles ist wie immer und doch ist nichts wie es war. „Beim ‚Stille-Nacht‘-Singen haben wir alle das Heulen angefangen“, sagt R.

Perückenkauf mit Sekt

Die junge Frau beschließt, sich vom Krebs nicht unterkriegen zu lassen. Stattdessen so viel Positives wie möglich mitzunehmen. Als ihr Silvester die Haare in Büscheln ausfallen, steht sie am 2. Januar mit zwei Freundinnen beim Perückenladen auf der Matte. „Wir haben uns da einen Spaß draus gemacht und auch verrückte Modelle ausprobiert, damit es leichter fällt.“

Hinterher köpfen sie eine Flasche Sekt. Danach stutzt ihr die Freundin, die Frisöse ist, das ohnehin zum Ausfallen verurteilte Haar. 1,5 Zentimeter bleiben stehen von der hellblonden Bobfrisur. „Das war so ein schöner Tag“, sagt R. „Und die kurzen Haare sahen super aus!“

Eine Woche hält der neue Look. Dann fallen die Haare unter der Dusche. „Wie die über mich drübergrieselt sind beim Abtrocknen, des war ganz schlimm.“ Überall plötzlich kahle Flecken nackter Kopfhaut. Das ist dann bei aller Courage doch ein schwerer Moment. Am Morgen danach greift sie zum Rasierapparat.

Die Mama mit der Glatze

Der kahle Kopf wird Teil ihres Alltags, die Perücke bleibt im Schrank. „Mit der konnte ich mich nicht anfreunden.“ Obwohl die ihrer alten Frisur ähnelt und ihr gut steht, bleibt sie ein Fremdkörper. Stattdessen schlingt R. sich Tücher um den Kopf, „mit denen habe ich mich wohlgefühlt.“ Nur die kleine Tochter kommt mit Mamas Glatze nicht klar. „Mama, Mütze!“, befiehlt sie, wenn die Mutter mal oben ohne herumläuft.

So wenig wie sie ihren kahlen Kopf verbirgt, so wenig macht R. aus ihrer Krebserkrankung ein Geheimnis: „Ich hab‘ da immer offen drüber gesprochen. Wie es mir geht und was gerade ansteht. Das hat geholfen – mir und den anderen.“ Auch ihrem Sohn, der schon verstehen kann, dass seine Mama sehr krank ist. Dass es ihr oft nicht gut geht und sie darum ins Krankenhaus muss. Dass er sein Zimmer zwar selbst aufräumen, aber trotzdem nicht immer brav sein muss.

Zwischen Alltag und Therapie

Die nächsten Monate pendelt R. zwischen Familienalltag und Therapien. Mit zwei kleinen Kindern eine tägliche Herausforderung. Sie bemüht sich um so viel Normalität wie möglich: Den Sohn, so oft es geht, zum Eishockeytraining begleiten. Bei den Hausaufgaben helfen. Spaziergänge im Wald. Und beim Kofferpacken für die Klinik hilft die knapp zweijährige Tochter mit.

Angelika R. hat Glück im Unglück: Die Chemotherapie verträgt sie besser als viele, Übelkeit und Schwäche sind auszuhalten. Sie hat Eltern und Schwiegereltern, die sie unterstützen, einen Mann, der ihr den Rücken freihält, wenn’s ihr schlecht geht.

Obwohl er mit eigenen Ängsten zu kämpfen hat: Die erste Frau seines Vaters starb an Krebs – so jung wie heute seine Angelika. Wird ihm das Gleiche passieren? Steht er bald allein mit den Kindern da? „Ein Fels in der Brandung“ sei er gewesen, erzählt Angelika R. „Nur wenn wir alleine waren, hat er auch mal gezeigt, dass es schwer für ihn ist.“

„Warum ich?“

Natürlich gibt es auch die dunklen Momente, in denen sie denkt: „Warum muss gerade ich diesen Krebs bekommen?“ Doch bei Krebs nach dem Warum zu suchen, ist müßig. Krebs ist meist vor allem eines: ein Riesenpech. Jeden Tag entarten Zellen im Körper, jeden Tag gelingt es dem Immunsystem, die schadhaften Zellen zu beseitigen, bevor sie zu wuchern beginnen. Nur wenn eine der Körperpolizei entwischt, kann ein Tumor entstehen. „Sie haben in die Scheiße gegriffen, und zwar tief“, sagt der Arzt zu ihr.

Sicher gibt es Risikofaktoren, die eine Krebsentstehung begünstigen. Von bestimmten Genen etwa weiß man, dass sie das Darmkrebsrisiko teilweise drastisch erhöhen. Aber auch Übergewicht, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel bereiten Darmtumoren den Boden. Und natürlich ist das Alter ein Faktor: Zellschäden summieren sich, gleichzeitig lässt die Schlagkraft des Immunsystems nach. Nichts davon allerdings trifft auf Angelika R. zu. „Mit dem Schicksal zu hadern, hilft mir trotzdem nicht weiter“, sagt sie.

Sich bloß nicht hängenlassen!

Stattdessen versucht sie, aus allem positive Energien rauszuholen, so gut es geht. In der ambulanten Chemotherapie erlebt sie oft das Gegenteil. Viele Leidensgenossen, erzählt sie, gingen in ihrer Krankheit auf. „Auch Leute in meinem Alter! Das fand ich erschreckend. Die kamen immer schon so reingeschlichen.“ Ein Auftreten, das förmlich ruft: „Ich bin krank! Ihr müsst mich alle bemitleiden!“ So habe sie das empfunden, sagt R..

Hat sie selbst ein Tief, bringt ihr Mann sie auf Trab. „Geh mal ne Runde spazieren, du warst heute noch gar nicht vor der Tür.“

Irokese statt Bob

Die Therapie hat Angelika R. überstanden, die Haare sind wieder da. Statt blondem Bob trägt sie einen Kurzhaarschnitt mit Irokesentouch – kämpferisch statt brav. „Ich nehme mir heute heraus, auch einmal ein bisschen egoistisch zu sein“, sagt R. Inzwischen liegen die Kontrolltermine alle drei Monate statt alle sechs Wochen. Und nach der Wiedereingliederung in ihren Job bei der Studierendenberatung an der Uni arbeitet sie seit Kurzem wieder ihr volles Pensum.

Hat sie je daran gedacht, dass sie auch sterben könnte? Nach einer Pause sagt sie: „Nein.“ Diesen Gedanken habe sie nicht zugelassen „Natürlich ist mir bewusst, dass bei jedem CT herauskommen kann, dass da jetzt Metastasen sind.“ Dass alles ganz schnell in eine andere Richtung umschlagen kann. Trotzdem: „Ich bin erst 34, ich hab‘ zwei kleine Kinder. Sterben ist da einfach nicht drin.“

Weiter Informationen zum Thema:

Felix-Burda-Stiftung

Die Felix-Burda-Stiftung engagiert sich vor allem zum Thema Prävention und Früherkennung von Darmkrebs:
www.felix-burda-stiftung.de

Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs

Jung an Krebs erkrankt? Spezielle Informationen und Unterstützung erhalten Sie bei der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs:
www.junge-erwachsene-mit-krebs.de